(Publiziert am 10. Januar 2026 in der alle zwei Wochen erscheinenden Print-Kolumne GRENACHER)
Lieber Christian Haller
Ich war, an diesem Dreikönigstag, wohl noch etwas im Drive meiner überschwänglichen Rundum-Neujahrswünsche, und so entschlüpfte mir Ihnen gegenüber ein Satz, der mir damals, als ich nach Hause kam und den Kopf etwas lüftete, ziemlich unangemessen erschien.
Aber beginnen wir dort, wo unzählige Geschichten begannen oder endeten: An der Kasse im Coop, präziser, an diesen Selfscan-Stationen war es, als ich mich etwas vordrängte, nassforsch noch ein «ha nid lang» nachschob und nicht mit Ihrem Konter gerechnet hatte: «Ich au nid!»
Also liess ich Ihnen, dem eigentlich Ersten an der noch freien Scankasse im Coop Laufenburg den Vortritt. Sie zierten sich dann noch etwas, was ich mit der Begründung «Sie müssen bestimmt noch schreiben!» vermeintlich souverän wegparlierte. Wir waren etwa gleichzeitig fertig mit Scannen und Twinten, verabschiedeten uns artig, wünschten uns einen schönen Abend und ich rief, ach wie, noch nach: «Und gute Sätze!»
Sie erwiderten im Weggehen noch etwas, das ich als «Die kann man immer brauchen!» wahrnahm, ehe wir uns aus dem Staub machten, zurück zur Homebase, wo Sie, lieber Christian Haller, dann wohl geschrieben haben und ich mir ein Gewissen machte, dass ich bei Ihnen diese guten Sätze einforderte.
Schliesslich sind Sie ein etablierter Schriftsteller, mehr noch, seit Jahrzehnten eine feste Grösse der Schweizer Literatur. Mit der Novelle «Sich lichtende Nebel» gewannen Sie 2023, endlich und wohlverdient, den Schweizer Buchpreis für ihre Sätze, in denen sie das Kleine gross machen und das Grosse auf seine Essenz reduzieren – leise, präzise, verdichtet, ein Wohlklang in diesen lärmigen Zeiten.
Nun freuen wir uns schon auf ihr neues Werk, das Ende Februar erscheint, «Einfallende Dämmerung» heisst es, gemäss ihrem Verlag eine Erkundungsreise ins unbekannte Land des Alters, in dem sich ein Leben voller neuer Möglichkeiten offenbart. Ich bin gespannt, wie sich die Geschichte auslässt über ein Leben, in der nichts mehr selbstverständlich ist und die Bresten des Alltags stets an der Tür stehen. Doch ihr Protagonist trotzt offenbar der Vergänglichkeit und nutzt die Freiheit, fern jeder Regel und Konventionen das zu denken, wonach dem eigenen Kopf zumute ist.
Und ich junger Tor? Ich verlangte von Ihnen, dem 82jährigen Weisen, gute Sätze. Als ob Sie die noch suchen müssten. Und längst wissen, dass ein guter Satz kein Zufall ist, sondern Arbeit. Präzision. Geduld.
Gute Sätze. Was sind das eigentlich? Sind das die Sätze, die man zitieren kann? Die, die man sich merkt? Oder sind es die Sätze, die wirken, ohne dass man sie bemerkt? Die einem erst hinterher einfallen, wenn man selbst vor einer Scankasse steht und merkt, dass man gerade einen Moment erlebt hat, in dem man spürte, dass man lebt?
Und deshalb, lieber Christian Haller, nehme ich meinen Satz nicht zurück. «Und gute Sätze!» war richtig. Nicht, weil Sie sie brauchen. Sondern weil wir sie brauchen. Alle. Immer wieder.
Denn die besten Sätze sind die, die noch nicht geschrieben sind. Und aus denen wunderbare Geschichten werden.