Grenacher
 

 (NICHT publiziert in der Aargauer Zeitung/Schweiz am Wochenende vom 4./5. April 2020 – wg. Coronavirus)

 

2020_04_04_Lieber_Herr_Fyrwald.pdf

Lieber Herr Fyrwald

Ich hoffe Sie gesund und zwäg in diesen kranken Zeiten. 

Als CEO von Syngenta in der Schweiz sorgen Sie ja auch gleich vor meiner Haustür für allerlei Arbeit, es gibt Werke in Kaisten, in Münchwilen und das Forschungszentrum in Stein, alle im Bereich Pflanzenschutz aktiv. 

Ihr Werk in Monthey, ich musste etwas schmunzeln ob dieser Nachricht, ausgerechnet ihre Fabrik die allerlei Herbizide, Fungizide und Insektizide, also Spritzmittel herstellt, ihre Walliser Niederlassung also spendete unlängst zusammen mit einer anderen Fabrik rund 50 Tonnen selbst produziertes Handdesinfektionsmittel an Spitäler und Apotheken. 

Danke, Herr Fyrwald. 

Ich weiss bloss nicht, wie ich diese grosszügige Gabe einordnen soll. Ihr Werksleiter in Monthey sagte zwar, man sei «stolz darauf, dass wir in dieser globalen Krise einen kleinen Beitrag zur Unterstützung unserer lokalen medizinischen Einrichtungen leisten können.» Zur Gesundheit der Menschen beizutragen sei, nochmals «von entscheidender Bedeutung und die Gewährleistung der Sicherheit ist ein grundlegendes Element unserer Werte bei Syngenta.»

Aha. Gesundheit und Sicherheit sind Ihnen also wichtig. Wie genau darf ich das verstehen? Syngenta gehört doch dem chinesischen Staatskonzern ChemChina, oder nicht? 

Dieser Staatskonzern macht ohne Widerstand mit, was China seit Jahrzehnten unerbittlich auf diplomatischer, wirtschaftlicher und technologischer Ebene treibt: Den Marsch an die Spitze – den leider Leichen pflastern. 

Mao Zedongs «Grosser Sprung» kostete zig Millionen Menschen das Leben, die Demonstrationen auf dem Tiananmen-Patz wurden blutig niedergeschlagen und um die letzte Jahreswende unternahm die chinesische Regierung alles, um Informationen über das Coronavirus und die Gefahren, die es für die öffentliche Gesundheit darstellt, zurückzuhalten. 

Als Ende Dezember 2019 Ärzte und Ärztinnen in Wuhan über Patienten berichteten, die ähnliche Symptome aufwiesen wie bei dem schweren akuten Atemwegssyndrom SARS, das 2002 in Südchina ausbrach, wurden sie sofort zum Schweigen gebracht und von den örtlichen Behörden wegen «Verbreitens von Gerüchten» bestraft.  

Erst als es trotz Einschüchterung, Zensur, Strafen und Knast nicht mehr anders ging, verfiel der Staatsapparat in einen beispielhaften Aktivismus der anderen Art und kerkerte die Bevölkerung wochenlang in den Hausarrest. Jetzt sonnt sich die Staatsmacht im Erfolg und nutzt die Bewältigung der globalen Pandemie, um die Überlegenheit des eigenen Systems zu belegen.

Die Wahrheit, lieber Herr Fyrwald, geht anders: Sehr wahrscheinlich, so sagte das unlängst auch der Schweizer Rechtsprofessor Daniel Möckli, hätten wir «die Corona-Krise so nicht, wenn das Virus zuerst in einem Staat aufgetaucht wäre, der liberal ist und sich an Grundrechte hält.» 

So aber wurde diese Pandemie, bei der Tausende von Menschen in zivilisierten Staaten sterben, durch den Besitzer Ihres Unternehmens begünstig, Herr Fyrwald: Durch den autoritären Staat China. 

Da nützt, leider, auch das gespendete Desinfektionsmittel in der Schweiz nichts mehr. 

So leicht kann man sich bei uns die Hände nicht in Unschuld waschen. 

Christoph Grenacher leitete verschiedene Medientitel. Heute ist er Inhaber der Kommunikationsagentur Mediaform. Er lebt im Kaister Ortsteil Ittenthal und in Zürich. grenacher@azkolumne.ch