GRENACHER
 

(Publiziert in der Aargauer Zeitung/Schweiz am Wochenende vom 24./25. April 2021)

2021_04_24_Lieber_Alex_Hürzeler.pdf

Lieber Alex Hürzeler

Wir haben uns vor Jahren mal getroffen, seinerzeit, als Sie laut darüber nachdachten, die Berufsschulen zu kastrieren. Ich finde heute noch mehr als damals, dass das Berufsbildungszentrum Fricktal BZF unter keinen Umständem abgespeckt werden darf: Es kann doch nicht sein, dass unser Mittelstand schon bei der Berufsbildung wegrasiert wird.

Ich kann es Ihnen ja nicht verübeln, dass Sie ufelueged zu den Akademikern, lieber Alex Hürzeler, doch seien Sie versichert: Wenn wir – Stichwort Mittelschule Fricktal – Maturanden produzieren auf Teufel komm raus, wenn wir Hochschulabolventen heranzüchten, auf die in der Berufswelt niemand wartet, dann ist das wirtschaftpolitischer Mumpiz erster Güte. Die 2020 publizierte Hochschulabsolventenbefragung beispielsweise zeigt nicht nur, dass wir aktuell 47 000 Geistes- und Sozialwissenschaftler ausbilden – fast einen Drittel aller Studentinnen und Studenten: Diese Germanisten, Philosophen, Historiker, Politologen, Soziologen, Psychologen, Ethnologen etc. usf. arbeiten nach jahrelangem Studium nicht nur signifikant häufiger Teilzeit als andere Uni-Abgänger. Sie verdienen, mit dem freiwillig gewählten lockeren Berufsleben, auch hundslausig.  

Diese Akademiker kosten die öffentliche Hand ein dickes Bündeli Banknoten, doch das Geld, das wir in ihre Ausbildung investieren, wirft kaum eine Rendite ab. Den Preis dafür zahlen die anderen; Facharbeiter beispielsweise, die nach der Schule subito eine Berufslehre beginnen und vier Jahre später klaglos Steuerbatzen abliefern.

Drum, so quasi als Weckruf nach den Frühlingsferien, lieber Herr Regierungsrat: Brechen Sie den Krampf um die Mittelschule im Fricktal ab, vergessen Sie diese Brutstätte der Akademiker. Wir müssen doch – oder gäbe es da aus Ihrer Sicht triftige Gegenargumente? –nicht die Fehler der Länder rund um uns wiederholen und akademischen Nachwuchs produzieren, auf den in der Berufswelt niemand wartet. 


Also: Volle Kraft und Fokussierung auf die Berufsbildung! Gleisen Sie, auch zum Wohl der Wirtschaft, endlich eine Offensive zur Stärkung der Berufsleute im Aargau auf. Und schauen Sie sich doch mal um, lieber Alex Hürzeler, was in diesen Zeiten der Pandemie effektiv passiert: Die Digitalisierung vieler Wirtschaftsbereiche nimmt rassig an Fahrt auf – also brauchen wir weder Psychologen für ein Gspürschmikürsli noch Historiker, die sich die Ellbogen in Muff-Archiven abwetzen.

Hingegen bräuchte die Informations- und Kommunikationstechnologie-Branche bis 2028 insgesamt über 1150 000 neue ICT-Fachkräfte.

Es wären Büezer, die wirklich gebraucht werden. Und nicht Akademiker, die verlumpen.


Christoph Grenacher leitete verschiedene Medientitel. Heute ist er Inhaber der Kommunikationsagentur Mediaform. Er lebt im Kaister Ortsteil Ittenthal und im Engadin. grenacher@azkolumne.ch