GRENACHER
 

(Publiziert am 16. Mai  2026 in der alle zwei Wochen erscheinenden Print-Kolumne GRENACHER)

Lieber Andreas Geiss

Sie sind Gemeindeammann von Zeiningen. Gewählt, auch weil Sie Ruhe versprochen haben. Frischen Wind. Besonnenen Kurs. Kommunikativen Weg. Ihre Worte, nicht meine.

Und jetzt blökt da eine Geiss. Es sind Sie.

Werner Meier ist bald neunzig. Rüstig und kritisch – das Salz in der Suppe jedes Dorfes, das noch lebt. Sein Hühnerstall an der Juchgasse beschäftigt seit Jahren Radio, Fernsehen, Zeitungen, Nachrichtenportale und natürlich sie, die Behörde . Das ganze Land hat über Zeiningen gelacht: Parkplätze für Hühner wurden in den neunzehn Formularseiten für ein Baugesuch nachgefragt. Zwar hat ihre Vorgängerin diesen Schaden angerichtet. Aber Sie wollten ihn kitten. Das war Ihr Versprechen.

Stattdessen haben Sie, lieber Herr Geiss, einen Mahnbrief an Meier unterzeichnet, der gegen die durch ihre Vorgängerin eingeleitete Betreibung Rechtsvorschlag erhob.

Ihre Signatur als Gemeindeammann steht unter einem eingeschriebenen Brief. Sieben Seiten lang, ein nachträglicher Strafbefehl für Bauen ohne Bewilligung, 500 Franken Busse. Wegen eines Hühnerhäuschens – das inzwischen bewilligt ist und einen Marderbesuch überlebt hat. Und das eine Gemeinde blossstellt, die für solche Kleinstbauten kein passendes Formular kennt, dafür aber seinerzeit einen Parkplatznachweis forderte. Der Amtsschimmel fragte auch nach einer Unterkellerung –  der Hahn kräht.

Sie sind aus Deutschland zugezogen, Herr Geiss. Kein Vorwurf. Das Fricktal lebt vom Zuzug. Aber eines sollten Sie wissen: In der Schweiz misst man einen Gemeindeammann nicht daran, was er verspricht. Man misst ihn daran, was er unterlässt. Diesen Brief hätten Sie besser nicht weggeschickt. Nicht gegen Werner Meier. Nicht wegen einem Hühnerstall.

In Deutschland hat man die Verwaltungskultur perfektioniert, die Meier in einem Leserbrief in der «Neuen Fricktaler Zeitung» beschreibt: Strafbefehl, Betreibung, sieben Seiten eingeschriebener Brief. Im Kanton Aargau nennt man das den Amtsschimmel. Der wiehert in Zeiningen – und Sie haben ihn nicht eingefangen. Sie haben ihn stattdessen gefüttert. 

Begreiflich, schreibt Meier ironisch, nach dem finanziellen Desaster mit dem lokalen Mehrzweckgebäude müsse man Geld sammeln, wo es nur geht. 500 Franken hier, 500 Franken dort. Wer rechnen kann, ist klar im Vorteil.
Der Schaden ist grösser als 500 Franken. Aber Sie wollen, wie Sie es einst formulierten, das Image Ihrer Gemeinde «in das Licht rücken, in dem es stehen sollte». Welches Licht meinen Sie, Andreas Geiss? Das Blitzlicht, das auf Ihre Mahnung fällt?

Rufen Sie Werner Meier an. Trinken Sie einen Kaffee mit ihm. Hören Sie ihm zu. Streichen Sie den Strafbefehl. Und lassen Sie die Sache gut sein.

Sonst blökt die Geiss weiter. Und die ganze Schweiz lacht mit.