GRENACHER
 

(Publiziert in der Schweiz am Wochenende/Aargauer Zeitung vom 22./23. Januar 2022)

2022_01_22_Lieber_Rudolf_Lüscher.pdf

Lieber Rudolf Lüscher

Ich will keineswegs einen Streit vom Zaun reissen wie er zurzeit in Zürich um die Bührle-Kunstsammlung tobt und es letztlich darum geht, ob Menschen, die in den Kriegsjahren mit Kunst handelten oder Kunst sammelten, an heutigen moralischen Massstäben gemessen werden dürfen. Aber irgendwie hat auch mein Einspruch damit zu tun, ob das, was gestern geschaffen worden ist, heutzutage einfach anders interpretiert werden darf.

 Manchmal, als es mir seinerzeit bei meinem Job im Ringier-Pressehaus im Zürcher Seefeld zu zu dumpfig wurde im Büro, wo damals noch selbstbestimmte und aufmüpfige Journalisten tätig waren statt der heute angestellten Hofschranzen, machte ich ein paar Schritte an der frischen Luft an die Bellerivestrasse 36 zum Hauptsitz der Elektrowatt.  

Dort stand vor dem Eingang Erwin Rehmanns Werk «Panta Rhei». Die 15 Meter lange Faltwand aus gegossenem, gestalteten und geschliffenen Chromstahlplatten stand in einem ellbogentiefen und zur Plastik gehörenden Brunnen, in dessen Wasser sich die Skulptur spiegelte, wandelte und neue Ein- und Anblicke bot: «Panta Rhei» eben, alles fliesst. Ein Koloss der Ruhe.

Nun soll dieses Werk, weil es die Elektrowatt längst nicht mehr gibt, zurück nach Laufenburg kommen. Sie, Rudolf Lüscher, haben sich als Präsident des hiesigen Rehmann-Museum dafür eingesetzt, bravo! Platziert werden soll das Kunstwerk ungefähr dort, wo schon früher eine steinerne Rehmann-Plastik stand: Im neuen Begegnungsraum entlang der Kantonsstrasse.  

Bloss: Nach Laufenburg kommt nur ein Teil des Werkes – aufgestellt werden einzig die mächtigen Stahlplatten. Auf das umrandende Wasserbecken wird verzichtet. Der amputierten Plastik fehlt somit am neuen Ort nicht nur ein unverzichtbarer Bestandteil, es fehlt auch der Dialog mit einem Element, das die Stadt prägte: Das Wasser – nicht nur, weil in Laufenburg zwischen 1908 und 1914 das erste quer zum Fluss stehende Laufkraftwerk am Rhein gebaut wurde.

Dass «Panta Rhei» nun ausgerechnet in Laufenburg zum Stümmelobjekt verkommen soll, find ich mehr als eigenartig. Der Umgang mit dem Werk des Ehrenbürgers Rehmann hätte mehr Respekt verdient.


Christoph Grenacher leitete verschiedene Medientitel. Heute ist er Inhaber der Kommunikationsagentur Mediaform. Er lebt im Kaister Ortsteil Ittenthal und im Engadin. grenacher@azkolumne.ch