GRENACHER
 

(Publiziert in der Schweiz am Wochenende/Aargauer Zeitung vom 9./10. Oktober 2021)

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Liebe Rebecca Melton

Ennet der Brücke gab es am Tag, als Sie als Parteilose in den Gemeinderat von Laufenburg (Schweiz) gewählt wurden, bei den Bundestagswahlen zwei Gewinner: Bei den Erststimmen legten in Laufenburg (Baden) die Grünen um 2,2 Prozent zu, die FDP gar um 4,5 Prozent. Die Säulenheiligen der CDU verloren 8,6 Prozent.  


Drum, das finde ich bemerkenswert, sassen in Deutschland zuerst die Wahlsieger, die Grünen und die Freien Demokraten zusammen, um rauszufinden, mit wem man Koalitionsgespräche führen will. Die Siegerparteien hatten bundesweit bei den Erstwählern und den Jungen am meisten Stimmen bekommen – sie stehen also, anders als Rot oder Schwarz, für die Hoffnung.

Soweit der parteipolitische Ausflug über den Rhein. Er musste sein, weil in Laufenburg (Schweiz) gleichentags der Wahlputsch von SVP und FDP krachend gescheitert ist: Nach der Wahl ist der Sulzer Ämtlisammler Herbert Weiss im Nebenamt immer noch Stadtammann, sein bisheriger Vize abgewählt, der neue Vizeammann ein abtrünniger SVPler und der Vizeammann-Kandidat der FDP mit einem lausigen Resultat abgestraft.  


Wenn man von aussen den Wahlkampf betrachtete, hatte man den Eindruck, hier schnappe ein toxisch verseuchtes Quintett um frische Luft. Man hörte auch, dass die Mediationsgabe des Ammanns unterirdisch und die Kommunikation des Stadtrats ausbaufähig sei. Bloss: Vier Fünftel dieses vergifteten Gremiums wurden wieder gewählt.

Drum, liebe Frau Melton, liegt meine Hoffnung bei Ihnen. Sie haben bei zwei Biotech-Unternehmen erlebt, wohin klare Vorgaben führen können: die Firmengründer, ein Ehepaar, stehen für einen zielorientierten Aufbruch – so wie auch Sie «für frischen Wind im Stadtrat» werben.

Drum machen Sie es doch bitte so, wie FDP und Grüne in Deutschland: Suchen Sie sich im Laufenburger Stadtrat jene Kräfte aus, mit denen Sie zusammenarbeiten wollen und können.

Aber lassen Sie sich als neue Hoffnung nicht vor den Karren der Bisherigen spannen, sondern bleiben Sie eigenständig und selbstbestimmt. Damit das Gift nicht noch weiter wuchert.

Christoph Grenacher leitete verschiedene Medientitel. Heute ist er Inhaber der Kommunikationsagentur Mediaform. Er lebt im Kaister Ortsteil Ittenthal und im Engadin. grenacher@azkolumne.ch