Grenacher
 

(Publiziert in Aargauer Zeitung/Schweiz am Wochenende vom 18. / 19. Januar 2020 

2020_01_18_Lieber_Stefan_Moser.pdf

Als Vizeammann sind Sie offenbar auch der Wirtschaftsminister der Gemeinde Kaisten, also für die Beizen zuständig. Und damit für das «Warteck», das leer steht und einen Gastonomen sucht. 

In einem Artikel in dieser Zeitung sagen Sie, die hohe Restaurantdichte in Kaisten sei eine Herausforderung. Aktuell vier öffentliche Einkehrstätten und eine Unternehmenskantine für über 2700 Einwohner sind allerdings nicht gerade rasend viel. Das «Warteck» könnte also, meine ich, gut existieren. Vorausgesetzt, der Chef kann nicht nur richtig gut gelernt kochen, sondern auch einwandfrei rechnen, realistisch planen, immer nett sein und die Bude penibel sauber halten. 

 Als Vizeammann sind Sie offenbar auch der Wirtschaftsminister der Gemeinde Kaisten, also für die Beizen zuständig. Und damit für das «Warteck», das leer steht und einen Gastonomen sucht. Als gelernter Koch jammern Sie aber in derselben Tonlage wie viele ihrer Berufskollegen: Die Esskultur habe sich stark verändert; früher sei in der Mittagspause noch öfter in Beizen eingekehrt worden. Doch heute müsse es schnell gehen und günstig sein. «Hamburger, Kebab und Co ziehen heute», sagen Sie. 

Meine Wahrnehmung geht anders. Wo gute Köche am Herd stehen, läuft’s über Mittag wie geschmiert, auch ohne Burger und Kebab. Das «Rössli» in Eiken? Immer pumpenvoll! Der «Bären» in Bözen? Pumpenvoll! Die «Pinte» in Sisseln? Pumpenvoll! Der «Steinbock» in Stein? Dito: Pumpenvoll! 

Ich denke darum, dass ein guter Koch, der noch weiss wie man einen köstlichen Fonds ansetzt, der die guten lokalen Produzenten kennt und der mit viel Freude, Innovation und Kreativität die Bude schmeisst, überall und schnell eine zufriedene Kundschaft findet, die bereit ist, für gutes Essen gerecht zu zahlen.

Wenn aber Firmenkantinen wie etwa die BASF in Kaisten ein Menu aus Pouletschenkel (Frisch und Einheimisch?), Pommes (Selbstgemacht?), Ofenpeperoni (Saisonal?) oder Salat (vom lokalen Gemüsehändler?) den auswärtigen Kantinegängern für 11.80 Franken verscherbelt oder eine Raiffeisenkasse im Kundenbereich auch gleich noch ein Bistro einrichtet: Geht’s da um veränderte Essgewohnheiten? 

Nö. Sondern um effiziente Prozesse und bessere Rendite. Von Geschmack und Genuss spricht da keiner mehr.


 

Christoph Grenacher leitete verschiedene Medientitel. Heute ist er Inhaber der Kommunikationsagentur Mediaform. Er lebt im Kaister Ortsteil Ittenthal und in Zürich. grenacher@azkolumne.ch