Grenacher
 

 GRENACHER MACHT BLAU: SOMMERPAUSE BIS 12. AUGUST 2020


(NICHT publiziert in der Aargauer Zeitung/Schweiz am Wochenende vom 20./21. Juni  2020 – wg. Coronavirus)

2020_06_19_Lieber_Bob_Dylan.pdf


Lieber Bob Dylan

How does it feel, wie geht’s denn so? 

Ich geh mal davon aus, pretty good, jetzt, wo gerade Dein neues Album erschienen ist. Es ist das erste seit acht Jahren mit neuem, eigenem Material, es schmirgelt und kratzt und ächzt und säuselt und nuschelt wie eh und je: «Rough and Rowdy Ways» heisst es, eine Parade Deine Lebens mit mittlerweile 79 Jahren, hab Dank dafür, Meister, es ist einfach grossartig.

Aber das sind wir uns Fans von Dir ja auch gewohnt, wir wurden Erwachsen mit Dir, wir schlenderten durch das Leben, freuten und ärgerten uns, bezogen Niederlagen und feierten Siege, aber schon immer, Bob, schon immer wunderten wir uns über das, was da draussen so alles passiert, Kuba, Vietnam, Pershings, Jugoslawien und hierzulande auch noch ein wenig Schnüffelstaat und Fremdenfeindlichkeit, es kam uns vor, dass jetzt dann mal das Licht gelöscht wird, so wie Du das auch schon angedeutet hast, seinerzeit, in «Time Out of Mind»: «It’s getting darker, but it’s not dark yet» - es wird dunkel aber noch ist der Niedergang nicht vollkommen. 

Auch Martin Schäfer, der Schweizer, der Dich wohl am besten kennt, kommt in der «Neuen Zürcher Zeitung» nicht mehr vom Loben weg, indem er Dich, Bob Dylan, Du Literaturnobelpreisträger mit dem Preiskollegen William Faulkner vergleicht, der 1962 starb, seinerzeit, auch schon bald sechzig Jahre her, als Du mit der Klampfe in Greenwich Village unterwegs warst und mit Joan Baez die Liebe entdeckt hast.

Es gibt, im wunderbaren Film von Martin Scorsese über die «Rolling Thunder Revue» viel Wunderbares zu entdecken und jedes Mal, wenn man den Streifen wieder sieht, gibt’s eine neue Offenbarung. Aber nichts in diesem Film ist für mich berührender und schöner als die Szenen mit Joan Baez. 

Es gibt, nach knapp einer Stunde in diesem Film eine Szene, wo Eure beider Liebe wundervollst offenbart wird: Joan beklagt sich, weil Du ihr mal wieder nicht gesagt hast, dass Du geheiratet hast.

Sie erinnert Dich an die Zeit in Big Sur, wo Du einen Deiner besten Song geschrieben hast über die schwarze Küchenmagd Hattie Carroll, die vom Weissen William Zantzinger erschlagen wurde, 1963, Black Lives Matter also schon damals, und Joan Baez, schön und jung und hell sagt Dir, Bob, das habe sie nicht so toll gefunden mit Deiner Hochzeit und Dir bleibt, fröhlich-verlegen für einen Moment die Sprache weg. «Das Herz ist wichtig», sagst Du dann bloss, «Das Herz ist wichtig, nicht der Kopf».

Bei Faulkner, den Schäfer in seiner Würdigung Deines neuen Albums zitiert, heisst es: «Das Vergangene ist nie tot. Es ist nicht einmal vergangen.«»

So wird das wohl auch bei Joan Baez sein und Dir, Bob Dylan – und es wird auch unser steter Begleiter sein, wenn einer fragt:

How does it feel?
To be on your own
To be without a home
Like a complete unknown
Like a rolling stone?

Unser Leben, egal ob arm oder reich, ob gut oder schlecht, unser Leben kann nur wahrhaftig sein, wenn dieser Stein wie bei Dir, Bob Dylan, kein Moos ansetzt: Like a rolling stone. 

 

Christoph Grenacher leitete verschiedene Medientitel. Heute ist er Inhaber der Kommunikationsagentur Mediaform. Er lebt im Kaister Ortsteil Ittenthal und in Zürich. grenacher@azkolumne.ch