GRENACHER
 

(Publiziert in der Weltwoche vom 27. Juli 2021)

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Fricktal mon Amour


Nach der Pubertät auf und davon und vor 35 Jahren wieder zurück: Wohin unser Autor heimfand – und in einer sonderlichen Umgebung immer noch etwas fremdelt.

Von Christoph GrenacherAls Nebenberufs-Bergbauer im Entlebuch war die «Tierwelt» Pflicht für mich. Und ein Glücksbringer, als mir nach Gewehrsalven bäurischer Neidhammel auf mein Haus am Fuss des Napfs polizeilich empfohlen wurde, die Gegend zu verlassen: Im Anzeigenteil der Zeitschrift fand ich meine neue Bleibe im Fricktal – zwei Dörfer weg vom Ort, in dem ich geboren wurde.


Meine 30 Schafe blökten fortan ein paar Hügel weiter auf den Wiesen eines international gesuchten Waffen- und Drogenhändlers, den Wohnwagen als Zuflucht während dem Hausumbau fand ich beim Vater meiner ersten richtigen Liebe und die Bretter, Steine, den Mörtel und die Farbe für die erste Instandstellung gabs für D-Mark günstig ennet der Grenze.

Welcome home! Alles paletti? Von wegen: Ich kam mir vor wie die ersten Saisonniers, die bei ERNE chrampften, dem heute schweizweit bekannten Baugeschäft. Als die Gastarbeiter nach der Pension mit Sack und Pack von Laufenburg heimwärts nach Leonforte zogen, waren sie auch in Sizilien plötzlich die Anderen – so wie ich nun back im Fricktal mich nicht mehr daran erinnerte, dass sich fremdgewordene Fötzel zu jener Zeit schleunigst den Gepflogenheiten der Einheimischen anzupassen hatten.


Das hatte ja auch Adamo Franchina erfahren. Wie er am 22. April 1968 zusammen mit drei Kollegen in Kaisten auf dem Heimweg war, tauchten plötzlich zwei junge Schweizer auf und feuerten mehrere Schüsse auf das Quartett. Der Römer Journalist Concetto Vecchio schildert in seinem Buch «Jagt sie weg!» wie Franchina am Unterarm getroffen wird, seine Kollegen aber die Angreifer verfolgen und für ihre Verhaftung sorgen: «Zwei Rowdys, die sich einen Spass daraus machen, mal eben ein paar Italiener abzuknallen.»

Da war ich nun also, in dieser fremden Heimat. «Im Fricktal fühlen sich Wildschweine und Krähen sauwohl» notierte unlängst, mit Blick auf die Jagdstatistik, die «Aargauer Zeitung».

Die Gegend zwischen dem Kernkraftwerk Leibstadt und dem nie gebauten Atommeiler in Kaiseraugst, vom restlichen Aargau durch die Staffelegg abgeschirmt und im Lebens- und Arbeitsraum eher Richtung Basel oder dem Zurzibiet und Baden zugewandt, ist ein wahrhaft sonderliches Stück Schweiz.

Das Fricktal beherbergt nämlich nicht nur Wildschweine und Krähen. Zwar wurde die Region östlich von Basel mit gut 80 000 Einwohnern in 36 Gemeinden zuerst tatsächlich auch auf vier Pfoten entdeckt; durch die Saurier. Später sorgten die Römer für etwas Ordnung, bevor die Gegend ein paar Schlachten danach von machtbewussten Habsburgern einverleibt wurde. 1801 reichten die Österreicher die knapp 300 Quadratkilometer an Frankreich weiter; es blieb ein Landstrich, dessen Bewohner im Gegensatz zu den Wildschweinen und den Krähen nie so genau wussten, wo sie hingehörten. Da half auch ein eigener Kanton (1802-1803) wenig – Napoleon Bonaparte setzte mit der Mediationsakte der Eigenständigkeit ein Ende; der Kanton Fricktal verschwand im Kuddelmuddel der Helvetischen Republik: Aus, Fertig, Amen.

Die Gegend zwischen Schwaderloch und Kaiseraugst am Rhein, dem Möhlintal im Westen und dem Mettauertal im Osten, dieser magere Strich Land durchlitt Missjahre und Hungersnöte, zwang zur Auwanderung oder produzierte Wanderarbeitslose wie Karl Alois Deiss (1886-1960), dessen Schicksal Gerhard Trottmann in einer wunderbaren Dokumentation («Im Irrgarten des Lebens») festgehalten hat: Deiss’ gottesfürchtige Mutter schleppt den kleinen Alois unentwegt in die Kirche während sein verschrobener Vater mit einem Geschäft in Mumpf verlumpt. So kam auch Alois vor lauter Knien in den Kirchbänken nie auf die Beine des Lebens, heuert in der Fremdenlegion an, beschafft sich als Kleinkrimineller Geld und arbeitet schweizweit kurz hier und da. Vor allem aber schreibt er, so er nicht gerade im Gefängnis sitzt oder in einem Arbeitslager, während 44 Jahren und immer in Gedichtform an den Gemeinderat und bittet um Unterstützung– was so wenig nützt wie seine exakte Anleitung zur eigenen Beerdigung oder seinen Erfindungen wie etwa das «kombinierte dreirädrige Ruder-, Land- und Wasser-Velo-Boot».

In diesem Irrgarten einer wunderbaren Landschaft bin nun also auch ich sesshaft geworden, so wie die Musikerin Sol Gabetta (Olsberg), der Fussballer Xherdan Shaqiri (Rheinfelden, Umbau mit sechs Badezimmern im Villenviertel Kapuzinerberg), Schriftsteller Christian Haller (Laufenburg), Underberg-Erbin Hubertine Ruder (Frick), ETH-Präsident Joël Mesot (Gansingen), Medienunternehmer Bernhard Burgener (Zeiningen), OL-Weltmeister Matthias Kyburz (Möhlin) oder Eisenplastikerin Gillian White (Leibstadt, das grosszügig bemessen ebenfalls dem Fricktal zugeschlagen wird).

Sie alle hat es auch in dieses Reservat der einstigen Habenichtse verschlagen, diese leicht verschlossene, der Restschweiz abgewandte Gegend: Bei uns gibt es den Cheisacherturm mit seinen 109 Stufen und der grandiosen Aussicht bis in die Vogesen, die längste gedeckte Holzbrücke Europas zwischen Stein und Säckingen, einen tüchtigen Schluck auf dem Dornhof zwischen Magden und Olsberg oder direkt beim Feldschlösschen, das wunderbare Piemonteser Rind aus dem Hofladen in Zeiningen, zwei oder drei Tage lange sanft eingekochte Früchte aus der Konfi-Manufaktur von Markus Kunz in Herznach, die fangfrischen Forellen aus Rheinsulz, die Spargeln vom Söhrenhof ob Bözen, die Trüffel vom Kornberg ob Frick oder die frischen Shrimps aus der Farm bei der Rheinsaline in Rheinfelden: Es gibt was, in diesem Fricktal!

Aus der kinderreichen Gegend, wo sich die Menschen noch in den Nachkriegsjahren in engen häuslichen Wohnverhältnissen, mit primitiver Hygiene, magerer Kost und dürftiger Kleidung mehr schlecht als recht über die Runde brachten, ist dank einer stürmischen wirtschaftlichen und industriellen Entwicklung ein Hort der Begehrlichkeit geworden, wenngleich mit ein paar tollkühnen Ausreissern. So entschieden die Oberen der regionalen Raiffeisenbank bar jeder Vernunft, in Zeihen nicht nur ihr Beraterbüro zu schliessen, sondern gleichzeitig auch noch den einzigen Bancomaten im Dorf abzuwracken. Nach lautstarkem Protest war die Bank wieder bereit einen Geldspucker installieren – falls die Gemeinde die Kosten für den Einbau eines Occasions-Bancomaten mit 20 000 Franken alimentiert sowie jährlich 1 000 bis 1 500 Franken für den Strom blecht. Der Souverän lehnte an der letzten Gemeindeversammlung das dumpfe Angebot entrüstet ab – was nichts daran ändert, dass das Fricktal seit Jahren eine der schweizweit am schnellstwachsenden Wirtschaftsregionen ist.

Diesen Umstand verdankt die Gegend mehreren illustren und teils bereits verblichenen Namen aus Life Science und Pharma – beispielsweise Ciba-Geigy, Sandoz, Novartis, Roche, Syngenta, Tillotts, Solvias oder DSM. Der Arbeitseifer der Einheimischen blieb in den goldenen 60er- und 70-erJahren nämlich auch dem Basler Daig nicht verborgen– die Fricktaler waren willfährige Partner, um mitsamt ihrem brachliegenden Land ein prosperierender Hotspot der Chemie zu werden.

Das grenzenlose Potential der Region, die heute über alle Branchen verteilt 33 000 Arbeitsplätze bietet und auch vielen Grenzgängern aus dem Elsass und Südbaden Brot und Lohn sichert, hatte übrigens schon vor dem Krieg der tschechische Industrielle Tomas Bata erkannt. Im Strassendorf Möhlin, in dem Anfang der 30er-Jahre als Folge der Weltwirtschaftskrise über 100 Arbeitslose hausten, wollte der Schuhhersteller seinen Traum einer natürlichen Verbindung zwischen Wohnort und Arbeitsplatz fortschreiben: Er kaufte, für einen Franken pro Quadratmeter, 24 Hektaren bestes Land dem Rhein entlang; im Mai 1932 erfolgte der Spatenstich für die erste eingeschossige Fabrikhalle, die bereits nach zwei Monaten bezugsbereit ist. Bata will am 12. Juli 1932 zur Eröffnung mit seinem Privatflugzeug in die Schweiz fliegen, doch die Maschine stürzt kurz nach dem Start in seiner Geburtsstadt Zlin ab – trotzdem werden einen Monat nach Batas Tod in Möhlin die ersten Schuhe hergestellt.

Als der Park schliesslich fertig gebaut ist, stehen sechs Fabrikhallen für die bis zu 700 Angestellten, ein Lager‐ und Administrationsgebäude, Garagen, rund 20 flachgedeckte Vier- und Zweifamilienhäuser in Sichtbackstein sowie zwei geschlechtergetrennte Ledigenheime für die Angestellten – und ein Direktorenhaus samt Pool und Tennisplatz.

Doch dann, 1990, wieder Aus, Fertig, Amen. Der Plastikschuh eroberte die Welt, die Produktion wird eingestellt. Das prächtige Areal verkam und wurde 2001 verkauft.

Seither wird die Anlage mit einem Mix aus Wohnen und Arbeiten neu belebt. Auch Sebastian Bürgin aka Baschi arbeitet inmitten dieser wunderbaren Parklandschaft. Zusammen mit dem Gitarristen Philippe Merk betreibt er das Tonstudio Rebel-Inc – in der Direktoren-Villa, please!

«Wir sind nicht bemüht, anders zu sein. Wir sind es», sagen die beiden Musiker. Drum passen sie, der eine zwar aus dem Oberbaselbiet, der andere vom Bodensee, so perfekt ins Fricktal.

Neben Wildschweinen und Krähen gedeihen hier eben auch fremde Fötzel.  


Christoph Grenacher leitete verschiedene Medientitel. Heute ist er Inhaber der Kommunikationsagentur Mediaform. Er lebt im Kaister Ortsteil Ittenthal und im Engadin. grenacher@azkolumne.ch