Grenacher
 

(Publiziert in der Aargauer Zeitung/Schweiz am Wochenende vom 17./18. Oktober 2020)

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Liebe Yvonne Hummel

Sie sind seit gut acht Monaten Aargauer Kantonsärztin. Vorher waren Sie Leiterin des Vertrauensärztlichen Dienstes einer Krankenversicherung. Das gefällt mir, diese frühere Jobbezeichnung, weil sie zwei Wortinhalte beinhaltet, die schampar wichtig sind und bleiben: Vertrauen. Sicher. 

Das war früher, offenbar. Weil jetzt, jetzt mach ich mir nämlich grad ein bisschen Sorgen, weil Sie und ihr Chef, Gesundheitsdirektor Gallati, Covid-Beruhigungspulver in die Öffentlichkeit streuen. 

Ich kann das für Menschen rund um Aarau verstehen. Aber der Kanton hört, von ihrem Büro aus gesehen, nicht vor der Staffelegg auf. 

Wir hier im Fricktal, einen Steinwurf von den Allemannen entfernt und ein paar Autokilometern von den Elässern, ma fois, wir leben ja in einer speziellen Zone, wir leben an der Grenze. Bei uns und in Deutschland ist es, wie das vorgestern Bayerns Ministerpräsident Markus Söder formulierte, «vielleicht nicht mehr fünf vor Zwölf, sondern Schlag Zwölf». Kurzum: Todernst. 

Nun sagen sie uns zwar, Frau Hummel, im Frühling sei die Sache noch viel krasser gewesen, aktuell sei «die Situation weiterhin fragil und die weitere Entwicklung wird genau beobachtet». Das tröstet mich nur kurz, liebe Frau Kantonsärztin, zumal sie diesen Mittwoch noch eine Schippe drauflegten, in Tele M1: «Die Lage ist ernst». Massnahmen seien nun notwendig, gar schon geplant und würden «in den nächsten Tagen» kommuniziert. 

Ich weiss nicht, wann für Sie die nächsten Tage beginnen. Und wann sie enden. Sie versprechen bloss, kommende Woche etwas zu sagen. 

Derlei Kommunikation ist weder vertrauensbildend noch schafft sie Sicherheit. Wir haben uns zwar daran gewöhnt, dass das Kuddelmuddel der Behörden nicht für klare Verhältnisse sorgt – und die Sachzwänge des Föderalismus zu einem verwirrlichen Maske Rauf/Runter führen. 

Auch dass wir uns alle ganz alleine selber helfen müssen, Frau Hummel, haben wir mit dieser Pandemie gelernt.

Aber dass wir alle damit das Vertrauen in den Staat noch ein bisschen mehr verlieren, dafür sorgen Sie. Leider. 

 Christoph Grenacher leitete verschiedene Medientitel. Heute ist er Inhaber der Kommunikationsagentur Mediaform. Er lebt im Kaister Ortsteil Ittenthal und in Zürich. grenacher@azkolumne.ch